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Willensbildung für Patientenverfügung

Patientenverfügung erstellen: Hilfe für Willensbildung

6 min Lesedauer

26. Februar 2019

Wer eine Patientenverfügung erstellen möchte, sollte sich gut überlegen, welche Behandlungswünsche er darin festlegt. Voraussetzung dafür ist, dass er sich intensiv mit seinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten am Lebensende beschäftigt. Das kann schwierig sein.

In diesem Artikel erfahren Sie, auf welche Probleme Patienten bei der Willensbildung stoßen, welche Bedürfnisse Gedanken an das Lebensende begleiten und wie Fragen vom BMJV bei der Willensbildung helfen können.

 

 

Welche zwei Probleme gibt es bei der Willensbildung für Patientenverfügungen?

Eine Patientenverfügung soll sicherstellen, dass der eigene Wille bei allen medizinischen Entscheidungen berücksichtigt wird, wenn man sich nicht mehr selbst dazu äußern kann. Dazu muss man sich grundsätzlich Gedanken darüber machen, welche Behandlung man in einer bestimmten Situation wünscht und welche nicht. Medizinische Laien, die für diesen Fall vorsorgen wollen, treffen bei der Willensbildung aber auf zwei Probleme:

 

Das erste Problem betrifft die Verfügbarkeit von medizinischem Fachwissen:

Zunächst einmal ist es schwierig, überhaupt zu wissen, für welche Situationen man seinen Willen festlegen sollte und welche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Hierbei kann die professionelle Beratung durch einen Arzt, entweder im persönlichen Gespräch oder über einen ärztlichen Online-Dienst, weiterhelfen.

 

Das zweite Problem betrifft die Auseinandersetzung mit dem Lebensende:

Wenn man eine medizinisch konkrete Patientenverfügung erstellt, muss man für sich ganz persönlich eine Vielzahl von Fragen beantworten, über die man sich normalerweise keine Gedanken macht. Solche Fragen sind zum Beispiel:

  • Auf welche körperlichen Fähigkeiten könnte ich verzichten?
  • Was wünsche ich mir, falls ich pflegebedürftig werde?
  • Wie möchte ich sterben und was soll nach meinem Tod mit mir passieren?

Viele dieser Fragen lassen sich nicht aus dem Stehgreif beantworten. Da sie im Ernstfall aber den Verlauf des weiteren Lebens entscheidend mitbestimmen, ist es ratsam, intensiv über den eigenen Willen nachzudenken.

 

 

Welche Bedürfnisse begleiten den Gedanken an das Lebensende – und machen ihn vielleicht zusätzlich schwer?

Es kann eine Überwindung sein, intensiv über den eigenen Willen im medizinischen Ernstfall nachzudenken. Ein Grund dafür ist, dass bei der Auseinandersetzung mit Krankheit und Sterben zwei psychosoziale Grundbedürfnisse (nach Grawe 2004, zitiert nach Kröger 2015) in Konkurrenz miteinander stehen:

  • Kontrolle und Orientierung
  • Lustgewinn und Unlustvermeidung

Einerseits ist eine Patientenverfügung dazu da, um gerade auch im Falle einer schweren Krankheit ein Stück weit die Kontrolle über medizinische Entscheidungen zu behalten. Das entspricht dem Grundbedürfnis nach Kontrolle und Orientierung. Andererseits muss man sich dazu im Vorfeld mit einer Situation auseinandersetzen, in der man gerade keine Sicherheit und Selbstbestimmung mehr hat.

Diese gedankliche Konfrontation wird durch ein weiteres Grundbedürfnis, Lustgewinn und Unlustvermeidung, erschwert. Viele Menschen haben Angst vor dem Tod und noch mehr fürchten sich vor schweren Krankheiten und einem quälend langen Sterbeprozess (vgl. Thaler 2016). Entsprechend schwer ist es, über eben solche Situationen, die man doch eigentlich vermeiden möchte, nachzudenken. Bei der Erstellung einer Patientenverfügung steht man dann wie vor einer Mauer, die erst überwunden werden muss.

 

 

Welche Hilfen zur Willensbildung stellt das BMJV zur Verfügung?

Die Schwierigkeit, sich mit dem Gedanken an schwere Krankheiten, Sterben und Tod  auseinanderzusetzen, kann Menschen daran hindern, eine Patientenverfügung mit ausreichend konkreten Behandlungswünschen zu erstellen. Der Bundesgerichtshof hat jedoch schon mehrfach bestätigt, dass nur medizinisch präzise Patientenverfügungen, in denen konkrete Behandlungen für bestimmte Situationen genannt werden, wirksam sind.

Daher hat das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) in einer Broschüre zur Patientenverfügung wertvolle Hilfen zur Willensbildung gegeben. Dabei führt es beispielhaft Fragen zu verschiedenen Lebensbereichen und Lebenssituationen auf, die angesichts des Lebensendes wichtig sein können. Sie sollen die Leser dazu anregen, über Ihre eigenen Wünsche und Werte nachzudenken.

 

Damit diese Unterstützung bei der Willensbildung noch mehr Menschen erreicht, werden nun die Fragen des BMJV (2018: 12f.) explizit zitiert. Sie betreffen im Einzelnen…:

 

… welche Erfahrungen Sie in Ihrem bisherigen Leben gemacht haben:

  • „Was ist mir in meinem Leben bislang wertvoll gewesen?

  • Bin ich mit meinem Leben zufrieden, so wie es war?

  • Was hätte ich mir anders gewünscht in meinem Leben?

  • Würde ich mein Leben anders führen, wenn ich es von vorn anfangen könnte?” (BMJV 2018: 12f.)

 

… welche Wünsche Sie für die Zukunft haben:

  • „Möchte ich möglichst lange leben? Oder ist mir die Qualität des Lebens wichtiger als die Lebensdauer, wenn beides nicht in gleichem Umfang zu haben ist?

  • Welche Wünsche/Aufgaben sollen noch erfüllt werden?

  • Wovor habe ich Angst im Hinblick auf mein Sterben?” (BMJV 2918: 13)

 

… welche Erfahrungen Sie selbst in schwierigen Situationen gemacht haben:

  • „Wie bin ich mit Krankheiten oder Schicksalsschlägen fertig geworden?

  • Was hat mir in schweren Zeiten geholfen?” (ebd.)

 

… wie Sie leidvolle Situationen anderer Menschen – wie etwa Krankheit, Behinderung und Sterben – erlebt haben:

  • „Welche Erfahrungen habe ich damit?

  • Löst das Angst bei mir aus?

  • Was wäre für mich die schlimmste Vorstellung?” (ebd.)

 

… was Ihnen bei der Beziehung zu anderen Menschen wichtig ist:

  • Welche Rolle spielen Familie oder Freunde für mich?

  • Kann ich fremde Hilfe gut annehmen? Oder habe ich Angst, anderen zur Last zu fallen?” (ebd.)

     

… welche Rolle Religion oder Spiritualität für Sie spielt:

  • „Was bedeutet mir mein Glaube/meine Spiritualität angesichts von Leid und Sterben?

  • Was kommt nach dem Tod?” (ebd.)

 

Wer diese Fragen für sich selbst beantwortet, kann einen Zugang zu seinen eigenen Wünschen und Werten, Ängsten und Hoffnungen angesichts des Lebensendes finden. Dabei ist es ratsam, sich genügend Zeit zu nehmen und auch mit Menschen zu sprechen, denen man vertraut.

Vor diesem Hintergrund können Entscheidungen über konkrete medizinische Maßnahmen besser getroffen werden. Das ist die Basis, um eine Patientenverfügung zu erstellen, die medizinisch aussagekräftig ist und den persönlichen Wünschen ihres Verfassers gerecht wird.

 

Autorin: Janine Kaczmarzik

 

Quellen:

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