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Bewusstloser Mann im Krankenbett an Beatmungsgeräte angeschlossen

Traurige Normalität: Wie Kliniken bewusstlose Patienten ausnutzen

2 min Lesedauer

18.01.2017

Ein bewusstloser Mann liegt mehrere Wochen auf der Intensivstation, obwohl er dies in seiner Patientenverfügung ablehnt. Warum hat die Klinik gegen den Patientenwillen gehandelt?

Ein Kommentar von Dr. med Paul Brandenburg, Geschäftsführer von DIPAT

Der STERN nennt es zutreffend „Das Geschäft mit dem Sterben“ (STERN-Ausgabe vom 11.1.2017): Eine Dresdner Klinik hatte Ende 2016 einen bewusstlosen Mann gegen seinen Willen wochenlang auf der Intensivstation behandelt. In seiner Patientenverfügung, die den Ärzten frühzeitig vorlag, hatte der Mann dies unmissverständlich abgelehnt. Auch die wiederholten Proteste der vorsorgebevollmächtigten Ehefrau und Töchter ignorierten die Ärzte. Erst als ein Gericht einschritt, verlegte das Krankenhaus den schwer hirngeschädigten Mann von der Intensivstation. Für die wochenlange Beatmungsbehandlung, die zu jeder Zeit gegen den Willen des Mannes erfolgte, stellte die Klinik über 75.000 Euro in Rechnung. Intensivmediziner Dr. Matthias Thöns kommentierte im STERN ebenso eindeutig wie zutreffend: „Das Patientenwohl steht (…) nicht mehr an erster Stelle, sondern an erster Stelle steht: Was kann man mit dem Patienten für Prozeduren machen und was ist der Erlös dabei?“

 

„Patienten werden teilweise nur weiterbeatmet, weil damit extrem viel Geld zu verdienen ist“

Dieser Einschätzung schließt sich Dr. Paul Brandenburg, Gründer von DIPAT, an: „Dieser Fall scheint besonders krass, ähnliches geschieht aber täglich in deutschen Krankenhäusern. Besonders Beatmungspatienten sind in den Augen vieler Klinikbetreiber nur noch Mittel zum Zwecke des Geldmachens. Diese Patienten werden teilweise nur weiterbeatmet, weil damit extrem viel Geld zu verdienen ist. Ob zugleich noch Aussicht auf einen Behandlungserfolg besteht, spielt in vielen Kliniken keine Rolle. Ich habe dies selbst als Arzt in der Notfall- und Intensivmedizin immer wieder erleben müssen“.

 

Ein neues Extrem der Skrupellosigkeit

„Dass eine Klinik aber, wie im vorliegenden Fall, offenbar bereit ist auch gegen eine eindeutige Patientenverfügung offen zu verstoßen“, so Brandenburg weiter, „ist ein neues Extrem der Skrupellosigkeit“. Ursache solch kriminellen Vorgehens von Ärzten und Kliniken ist aus Sicht des DIPAT-Gründers das problematische Vergütungssystem der Krankenhäuser, das sogenannte DRG-System. Es verleitet Kliniken zu Verhaltensweisen wie hier in Dresden. „Alle Systemfehler aber“, stellt Brandenburg klar „entschuldigt die beteiligten Ärzte in keiner Weise. Es wäre deren Aufgabe gewesen, sich der Geldgier ihrer Klinik zu verweigern. Stattdessen scheinen sie sich zu Komplizen gemacht zu haben.“

 

DIPAT unterstützt seine Nutzer bei der Durchsetzung der Patientenverfügung

Sollte ein DIPAT-Nutzer oder eine DIPAT-Nutzerin einmal in ähnliche Lage geraten, stellt Dr. Brandenburg fest, wird DIPAT ihm bzw. ihr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln beistehen, seine bzw. ihre Patientenverfügung durchzusetzen.

Sie haben Fragen zu Ihrer Patientenverfügung? Dann rufen Sie uns an: 0341 392 935 60 (Mo-Fr 9-17 Uhr). Wir beraten Sie gerne.

3 Kommentare

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  1. Barbara Scott-Hayward (28.11.2019 - 19:58 Uhr)

    Da ich nach einer kostenintensiven unnützen entwürdigenden Prozedur vergebens nach Hilfe bzw. Abhilfe
    gesonnen habe (Krankenhausaufenthalt 2016- künstlich 2 Wo. Aufenthalt: gespickt mit teuren und nutzlosen Untersuchungen) nutze ich dies Forum. Ich hoffe nur daß irgendwann die Gewinnmaximierung auf Kosten der Pat. aufhört. Daß auch Patienten an ihrer Gesundung mithelfen können scheint dieser Gesellschaft unbekannt. Dass ich diesen Zwangsaufenthalt lebend überstanden habe verstehe ich bis jetzt noch nicht. Da weder Ärzte noch Schwestern zu Fragen meines Mannes und mir ( Krankheitsbild, Dauer des Aufenthalts, Menge der Medikamente) Antworten hatten, ist ziemlich sicher, daß eine Patientenverfügung überhaupt beachtet worden wäre. Generell ist festzustellen daß die Versorgung gerade mal das „Überleben“ sichert, von
    Interesse am Patienten kann keine Rede sein.

    • Janine Kaczmarzik (02.12.2019 - 13:36 Uhr)

      Liebe Frau Scott-Hayward,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist wirklich erschütternd, wie Sie behandelt wurden und dass man auf die Fragen von Ihnen und Ihrem Mann nicht eingegangen ist. Indem Sie Ihre Erfahrungen teilen, tragen Sie auch dazu bei, hier mehr Transparenz über fehlerhafte Strukturen zu schaffen.

      Für den Fall, dass Sie Ihren Willen nicht mehr bilden oder mitteilen können, ist es auf jeden Fall empfehlenswert, wenn Sie mit einer Patientenverfügung vorsorgen. Denn laut § 7 Absatz 1 der (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte (Bundesärztekammer 2018) sind die behandelnden Ärzte auch verpflichtet, “[j]ede medizinische Behandlung […] unter Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte der Patientinnen und Patienten, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts” (ebd.: A3) durchzuführen. Weiß medizinisches Personal also, dass Sie eine Patientenverfügung haben, muss es Ihren Willen respektieren und Sie können sich vor unerwünschten Behandlungen schützen.

      Wir hoffen sehr, dass Ihnen bei zukünftigen Krankenhausaufenthalten weitere schlechte Erfahrungen erspart bleiben und wünschen Ihnen für Ihre Gesundheit alles Gute!

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Ihr DIPAT-Team

  2. Rita Binder (31.07.2020 - 18:27 Uhr)

    Ja den Kommentar oben kann ich nachempfinden.
    Ich lag jetzt auch auf Intensiv und habe auch keine gute Erfahrung gemacht. Dazu wurden von mir aus dem Portm. 50 Euro entwendet, die ich mir sicherheitshalber mitnahm. Besucher waren keine da, als ich dort lag. Meine Sachen wurden von einer Krankenschwester in Verwahrung eines Beutels getan.
    Ob ich das Geld wieder sehe, weis ich nicht. Habe es aber an der Beschwerdeabteilung gemeldet. Ich selber war auch nicht auf der Intensivstation in der Lage auf meine Sachen zu achten oder sie selber wegzutun.
    Na mal sehen was daraus wird. Hatte eigentlich zu dem Personal volles Vertrauen und sowas nie gedacht. Habe es erst auf dem Heimweg mit Taxi festgestellt. Es ist schlimm, da ich auch nur eine kleine Rente habe.

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