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alter Patient an Beatmungsgeräten

Wenn die Patientenverfügung versagt

5 min Lesedauer

6. Juni 2019 (aktualisiert am 9. Juli 2019)

Ende Mai hat die Bunte (1) über das Schicksal von Sylvia Leifheit und ihrer Familie berichtet: Im März 2018 verstarb der Vater der Schauspielerin auf eine Weise, die er in seiner Patientenverfügung eindeutig abgelehnt hatte. Tragischer Weise blieben seine Wünsche jedoch unbeachtet und Thomas Leifheit musste einen unwürdigen und qualvollen Tod erleiden. In diesem Artikel erfahren Sie, was passiert ist und was man tun kann, um sich davor zu schützen.

Was ist Sylvia Leifheits Vater passiert?

Thomas Leifheit litt bereits seit einigen Jahren an Herzproblemen, als ihm im Alter von nur 64 Jahren das Herz stehen blieb. Wenige Minuten später wurde er von seiner Frau entdeckt, die sofort den Notarzt rief. Nach mehr als einer halben Stunde konnte Thomas Leifheit schließlich wiederbelebt werden. Zu diesem Zeitpunkt war sein Gehirn jedoch bereits schwer geschädigt. Im Krankenhaus lag er im künstlichen Koma und konnte nur durch den Einsatz von Beatmungs- und Ernährungsmaschinen am Leben gehalten werden. Genau das hatte er jedoch in seiner Patientenverfügung eindeutig abgelehnt.

Warum wurde die Patientenverfügung nicht beachtet?

Verständlicherweise hatte die Familie in der schockierenden und beängstigenden Notsituation nicht sofort daran gedacht, die Patientenverfügung vorzulegen. Einige Tage später, als die Schwere der Hirnschäden in ihrem ganzen Ausmaß erfasst war, bat sie jedoch darum, dass die Maschinen des Vaters abgestellt werden – ganz so, wie er es gewollt hätte. Die behandelnden Ärzte lehnten das allerdings mit der folgenden Begründung ab: „Wenn der Patient bereits an die Maschinen angeschlossen ist, sind wir in einem heiklen Bereich. Das Abstellen (…) [könnte] als Beihilfe zum Mord angesehen werden.” (2)

Diese Entscheidung hat die Last für die Familie jedoch nur noch schwerer gemacht: Zusätzlich zum Verlust des Vaters musste sie nun auch verkraften, dass sie seine letzten Wünsche nicht umsetzen lassen konnten.

Wie ist Thomas Leifheit gestorben?

Um dem Vater ein quälend langes Dahinvegetieren an medizinischen Maschinen zu ersparen, musste die Familie einen Weg finden, die Einwände der Ärzte zu umgehen. Das war möglich, indem die Leistung der Maschinen Stück für Stück heruntergefahren wurde. Schließlich war der Vater sogar in der Lage, wieder selbstständig zu atmen – das aber tragischer Weise nur, um unnötig qualvoll aus dem Leben zu scheiden. Wie viel Schmerz er und seine Familie erleiden mussten, schildert Sylvia Leifheit in der Bunten sehr bewegend: „In seinen letzten Stunden hat sein Körper nur noch rebelliert, er hat sich aufgebäumt, Mund und Augen aufgerissen, die Maschinen sind völlig durchgedreht. Und das trotz der hohen Morphium-Dosis, die sie ihm verabreicht hatten! Es war das Furchtbarste, was ich je erlebt habe. “ (3)

Das Versagen der Patientenverfügung hat dazu geführt, dass Sylvia Leifheits Vater zweimal sterben musste.

Wie kann sich so eine schmerzhafte Erfahrung auf das Vertrauen in das Gesundheitssystem auswirken?

Neben der tiefen Trauer um den geliebten Menschen empfinden Sylvia Leifheit und ihre Familie heute immer mehr Wut über das qualvolle Ende des Vaters. Ihr Vertrauen in das Gesundheitssystem hat empfindlichen Schaden genommen: „Wenn erst einmal das Krankenhaus übernimmt, hat man kaum noch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Sterben”, urteilt die Schauspielerin in ihrem Interview mit der Bunten, „Für mich war das eine reine Geschäftemacherei des Krankenhauses.” (4)

Diese Einschätzung ist leider nicht unbegründet. Obwohl in der Medizin insbesondere das Mitgefühl zu den wichtigsten Grundwerten gehört (5), sind letztlich auch Kliniken wirtschaftliche Unternehmen, für die die Vergütung einer Behandlung durchaus entscheidungsrelevant ist. „Besonders Beatmungspatienten sind in den Augen vieler Klinikbetreiber nur noch Mittel zum Zwecke des Geldmachens”, gibt Dr. Paul Brandenburg Einblicke hinter die Kulissen des Klinikalltages. „Diese Patienten werden teilweise nur weiterbeatmet, weil damit extrem viel Geld zu verdienen ist.” (6)

Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig zu wissen, wie man sich als Patient wirksam vor unerwünschten Behandlungen schützen kann.

Wie kann man sich wirksam vor unerwünschten Behandlungen schützen?

Die Geschichte der Familie Leifheit hat gezeigt, dass leider nicht jede Patientenverfügung einen Menschen im Ernstfall vor einem unwürdigen Ende bewahren kann. Das ist besonders tragisch, weil die späteren Patienten sich doch die Mühe gemacht hatten, sich mit dem schwierigen Thema auseinanderzusetzen und für den Ernstfall vorzusorgen. Sie wollten selbstbestimmt sterben und ihre Familien entlasten. Leider aber wurde ihre Mühe nicht belohnt.

Trotzdem sind Patientenverfügungen im medizinischen Ernstfall das zentrale Vorsorgedokument, mit dem ein Patient auch im bewusstlosen Zustand dem Arzt seinen Willen mitteilen kann. So eine Verfügungen muss allerdings, drei entscheidende Wirksamkeitskriterien erfüllen, damit sie den Willen des Patienten wirksam schützen kann:

  • Sie muss medizinisch genau sein und konkrete Behandlungsmethoden (z.B. Luftröhrenschnitt) in konkreten Situationen (z.B. akute Erstickungsgefahr) nennen.
  • Sie muss jederzeit sofort von Ärzten eingesehen werden können, damit unerwünschte Behandlungen gar nicht erst eingeleitet werden.
  • Sie muss regelmäßig aktualisiert werden, damit Ärzte im Ernstfall sicher sein können, dass der Wille des Patienten noch gilt.

Wenn Sie mehr über wirksame Patientenverfügungen erfahren wollen, können Sie im Artikel „Info-Broschüre: Was sollten Sie über Patientenverfügungen wissen?“ eine kostenlose Info-Broschüre herunterladen.

Aktualisierungs-Hinweis: Zwischenzeitlich hat auch die VOX-Sendung “Prominent!” über das Schicksal der Familie Leifheit berichtet. Mit dem folgenden Link können Sie sich ab Minute 11:24 den Beitrag ansehen: https://www.tvnow.de/shows/prominent-196/2019-07/episode-27-thema-u-a-larissa-marolt-1642556 .

Autorin: Janine Kaczmarzik

Zitate:

  1. vgl. Soyke 2019 im BUNTE Magazin vom 27. Mai 2019
  2. ebd.
  3. ebd.
  4. ebd.
  5. Weltärztebund 2005: 18
  6. DIPAT 2017

Quellen:

  1. Christiane Soyke (2019): Sylvia Leifheit. Trotz Patientenverfügung – so unwürdig musste ihr Vater sterben. In: BUNTE Magazin vom 27. Mai 2019. URL: https://www.bunte.de/stars/bunte-heft/sylvia-leifheit-trotz-patientenverfuegung-so-unwuerdig-musste-ihr-vater-sterben.html?utm_medium=viral (geprüft am 6. Juni 2019)
  2. DIPAT [Hrsg.] (2017): Traurige Normalität: Wie Kliniken bewusstlose Patienten ausnutzen. URL: https://www.dipat.de/aktuelles/wie-kliniken-bewusstlose-patienten-ausnutzen/ (geprüft am 6. Juni 2019)
  3. Ethikabteilung des Weltärztebundes [Hrsg.] (2005): Handbuch der ärztlichen Ethik. URL: https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/WMA_aerztliche_Ethik.pdf (geprüft am 6. Juni 2019)

6 Kommentare

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  1. Michael P. (17.06.2019 - 01:35 Uhr)

    In genau die gleiche Situation bin ich hineingeraten, nämlich als meine Ehefrau Karin Schoenenberg in die Klinik (KH der Augustinerinnen, kurz „Klösterchen“ genannt und dort im Rahmen der notfallmäßigen Aufnahme nicht gefragt wurde, ob sie bzw. meine Frau über eine Patientenverfügung verfüge. Meine Ehefrau war zuvor in kurzer Folge von etwa einem Jahr 9 mal im KH, davon 6 mal mit Blaulicht und Sirene dort hin gebracht worden und ihr wurde zum Beispiel im Herzzentrum der Uniklinik Köln jedes Mal bei der Aufnahme die Frage gestellt, ob sie eine Patientenverfügung habe. Jedes Mal, wenn sie oder ich mit „ja“ geantwortet haben wurden wir jeweils umgehend aufgefordert, diese im Original schnellstens dort vorzulegen.
    Ausgerechnet im letzten notfallmässigem Aufenthalt meiner Ehefrau im „Klösterchen“ wurden wir nicht danach gefragt, ob meine Ehefrau über eine Patientenverfügung verfüge. Deshalb wurde natürlich auch nicht der Patientenverfügung gefolgt und bekam sie wider Willen „künstliche Ernährung“, zwei mal eine nicht gewünschte Wiederbelebung und wurde sie 14 Tage im künstlichen Koma gehalten, was sie ausdrücklich nie haben wollte. Dies alles stand ja im Zusammenhang mit „7 Jahren Durchfall mit Inkontinenz“ was die Krönung jedweder Erkrankung im Magen/Darmbereich darstellt und was von allen Chefärzten aller Kölner Krankenhäusern unisono mit der Diagnose „Reizdarm“ bezeichnet wurde, einer Diagnose die sozusagen immer dann gestellt wird, wenn man nicht genau weiß, was der/die Patient In* hat.

    Nun hat dies uns diese Situation jedoch allen ( also dem Stiefsohn, der Stieftochter und meiner Wenigkeit) abschließend betrachtet eine 14-tägige Abschiedszeremonie verschafft, die uns sonst, also bei rechtzeitiger Anwendung der „Dipat-Patientenverfügung“ nicht zur Verfügung gestanden hätte und uns unsere Mutter und meine Ehefrau 14 Tage früher genommen hätte. Ich glaube nicht an Zufälle und deshalb hat uns diese gewonnene Zeit durch ein Missverständnis ganz bewusst eine Zeit verschafft, in der wir in Ruhe und mit Gelassenheit Abschied von unserer Mutter und meiner Ehefrau nehmen können.

    Das ist bestimmt nicht der Normalfall und ist es natürlich bestimmt nicht so gewünscht gewesen, dennoch waren wir, die Kinder meiner Ehefrau und ich sehr froh darüber, dass es hier ein Missverständnis mit der Klinik gegeben hatte, dass uns 14 Tage mehr an Zeit verschafft hat, in denen wir in Ruhe und Gelassenheit Abschied von unserer Mutter und meiner Ehefrau nehmen konnten.

    Trotzdem können wir nur jedem raten, dem eine „Sterben in Würde“ wichtig ist, eine Patientenverfügung bei DIPAT zu erstellen. Ich kenne keine andere Patientenverfügung die auch nur annähernd die Qualität von DIPAT hat und ich kümmere mich seit Jahren um dieses Thema. Niemand den ich kenne hat nämlich seinen roten Notfallordner ständig und überall auf dieser Welt dabei, damit im Falle eines Falles danach gehandelt werden kann. Ich habe, ganz anders wie meine verstorbene Ehefrau, den Fall
    eines künstlichen Komas ganz anders geregelt, wie es meine Ehefrau hatte. Ich wollte schon noch wiederbelebt werden, wenn es Chancen des Überlebens gäbe. Meine Ehefrau jedoch, wollte keinerlei künstliche Lebenesverlängerung und das ist auch gut so. „Jeder Jäck is anders“, sagen die Kölner und haben damit auch sehr oft Recht.

    • Janine Kaczmarzik (17.06.2019 - 13:03 Uhr)

      Lieber Michael P.,

      vielen Dank, dass Sie die Geschichte Ihrer Frau mit uns geteilt haben. Ihre Erfahrungen zeigen, wie individuell die Wünsche jedes Einzelnen bezüglich eines so sensiblen Themas wie dem Lebensende sind. Es ist wichtig, dass Ärzte im Ernstfall sofort auf eine präzise Patientenverfügung zurückgreifen können, die es ermöglicht, die Wünsche des Patienten zuverlässig zu berücksichtigen.

      Dass Sie mit den Leistungen von DIPAT zufrieden sind und unsere Lösung für Patientenverfügungen weiterempfehlen, freut uns sehr. Vielen Dank für Ihr Engagement für dieses wichtige Thema.

      Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Ihr DIPAT-Team

  2. Siglinde Mooney (10.07.2019 - 16:26 Uhr)

    Die DIPAT-Patientenverfügung kann sofort vom behandelnden Arzt eingesehen werden, sofern man den Aufkleber auf der Chipkarte angebracht hat, und man hoffentlich immer die Karte bei sich hat.
    Ich hoffe, dass meiner Familie und mir solche Fehlentscheidungen, wie oben beschrieben, erspart bleiben.
    Ich bin froh, dass es DIPAT gibt.

    • Janine Kaczmarzik (11.07.2019 - 08:53 Uhr)

      Liebe Frau Mooney,

      vielen Dank für Ihre positive Rückmeldung. Wir freuen uns sehr, dass unsere Lösung für wirksame Patientenverfügungen Sie überzeugt. Damit sind Sie und Ihre Familie im Ernstfall bestmöglich geschützt.

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Ihr DIPAT-Team

  3. Birgit Molzahn (11.07.2019 - 10:59 Uhr)

    Ich habe leider im Auguste Viktoria Krankenhaus in Berlin die Erfahrung machen müssen, dass man meine Patientenverfügung von Dipat nicht online annehmen wollte und auf eine schriftliche Verfügung bestanden hat. Es hätte mir also nichts genützt gut vorbereitet zu sein, wenn die entsprechenden Stellen nicht mitspielen. Ich denke, dass dipat sich in Krankenhäusern bekannt machen müsste.

    • Janine Kaczmarzik (15.07.2019 - 10:38 Uhr)

      Liebe Frau Mohlzahn,

      vielen Dank, dass Sie uns über diesen Vorfall informiert haben. Leider hat sich die besagte Klinik in diesem Fall falsch verhalten: Grundsätzlich sind Ärzte laut § 7 Absatz 1 der (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte (Bundesärztekammer 2018) verpflichtet, “[j]ede medizinische Behandlung […] unter Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte der Patientinnen und Patienten, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts” (ebd.: A3) durchzuführen. Weiß medizinisches Personal also, dass es eine Patientenverfügung gibt, muss es den Willen des Patienten beachten.

      Die vom Krankenhauspersonal geforderte Schriftform (mit eigenhändiger Originalunterschrift) ist zwar tatsächlich die formaljuristisch Gültige. Notwendig ist sie aber vor allem vor Gericht. Im Krankenhausalltag sind solche Formalien aber stets nachgeordnet. Beispielsweise ist es in Notsituationen gar nicht möglich, dass ein Patient sofort die original-unterschriebene Patientenverfügung vorlegt. Es ist vielmehr die Regel, dass die Kliniken Fotokopien oder eben ausgedruckte Scans vorliegen haben – so wie DIPAT dies leistet. Das von Ihnen beschriebene Verhalten wirft also ein überaus schlechtes Licht auf die Klinik.

      Falls sich so eine Situation noch einmal wiederholen sollte, möchten wir Ihnen zwei Hinweise mit auf den Weg geben:
      1) Sie können Ihre Online-Patientenverfügung jederzeit auch vor Ort in der Klinik durch das Personal ausdrucken lassen und dann erneut unterschreiben – auf diese Weise können Sie immer und überall beliebig viele „Originale“ erzeugen. Diese darf(!) keine Klinik ablehnen.
      2) Falls sich eine Klinik weigern sollte, die Online-Patientenverfügung zur Kenntnis zu nehmen, kontaktieren Sie uns bitte jederzeit. Unsere erfahrenen Ärzte und Rechtsanwälte werden sich dann umgehend mit der entsprechenden Klinik in Verbindung setzen, um Ihr Patientenrecht durchzusetzen.

      Herzliche Grüße aus Leipzig und bleiben Sie gesund

      Ihr DIPAT-Team

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