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Wenn die Patientenverfügung versagt

Ende Mai hat die Bunte1 über das Schicksal von Sylvia Leifheit und ihrer Familie berichtet: Im März 2018 verstarb der Vater der Schauspielerin auf eine Weise, die er in seiner Patientenverfügung eindeutig abgelehnt hatte. Tragischer Weise blieben seine Wünsche jedoch unbeachtet und Thomas Leifheit musste einen unwürdigen und qualvollen Tod erleiden. In diesem Artikel erfahren Sie, was passiert ist und was man tun kann, um sich davor zu schützen.

Was ist Sylvia Leifheits Vater passiert?

Thomas Leifheit litt bereits seit einigen Jahren an Herzproblemen, als ihm im Alter von nur 64 Jahren das Herz stehen blieb. Wenige Minuten später wurde er von seiner Frau entdeckt, die sofort den Notarzt rief. Nach mehr als einer halben Stunde konnte Thomas Leifheit schließlich wiederbelebt werden. Zu diesem Zeitpunkt war sein Gehirn jedoch bereits schwer geschädigt. Im Krankenhaus lag er im künstlichen Koma und konnte nur durch den Einsatz von Beatmungs- und Ernährungsmaschinen am Leben gehalten werden. Genau das hatte er jedoch in seiner Patientenverfügung eindeutig abgelehnt.

Warum wurde die Patientenverfügung nicht beachtet?

Verständlicherweise hatte die Familie in der schockierenden und beängstigenden Notsituation nicht sofort daran gedacht, die Patientenverfügung vorzulegen. Einige Tage später, als die Schwere der Hirnschäden in ihrem ganzen Ausmaß erfasst war, bat sie jedoch darum, dass die Maschinen des Vaters abgestellt werden – ganz so, wie er es gewollt hätte. Die behandelnden Ärzte lehnten das allerdings mit der folgenden Begründung ab:

Wenn der Patient bereits an die Maschinen angeschlossen ist, sind wir in einem heiklen Bereich. Das Abstellen (…) [könnte] als Beihilfe zum Mord angesehen werden.2

Diese Entscheidung hat die Last für die Familie jedoch nur noch schwerer gemacht: Zusätzlich zum Verlust des Vaters musste sie nun auch verkraften, dass sie seine letzten Wünsche nicht umsetzen lassen konnten.

Wie ist Thomas Leifheit gestorben?

Um dem Vater ein quälend langes Dahinvegetieren an medizinischen Maschinen zu ersparen, musste die Familie einen Weg finden, die Einwände der Ärzte zu umgehen. Das war möglich, indem die Leistung der Maschinen Stück für Stück heruntergefahren wurde. Schließlich war der Vater sogar in der Lage, wieder selbstständig zu atmen – das aber tragischer Weise nur, um unnötig qualvoll aus dem Leben zu scheiden. Wie viel Schmerz er und seine Familie erleiden mussten, schildert Sylvia Leifheit in der Bunten sehr bewegend:

In seinen letzten Stunden hat sein Körper nur noch rebelliert, er hat sich aufgebäumt, Mund und Augen aufgerissen, die Maschinen sind völlig durchgedreht. Und das trotz der hohen Morphium-Dosis, die sie ihm verabreicht hatten! Es war das Furchtbarste, was ich je erlebt habe.3

Das Versagen der Patientenverfügung hat dazu geführt, dass Sylvia Leifheits Vater zweimal sterben musste.

Wie kann sich so eine schmerzhafte Erfahrung auf das Vertrauen in das Gesundheitssystem auswirken?

Neben der tiefen Trauer um den geliebten Menschen empfinden Sylvia Leifheit und ihre Familie heute immer mehr Wut über das qualvolle Ende des Vaters. Ihr Vertrauen in das Gesundheitssystem hat empfindlichen Schaden genommen: „Wenn erst einmal das Krankenhaus übernimmt, hat man kaum noch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Sterben”, urteilt die Schauspielerin in ihrem Interview mit der Bunten, „Für mich war das eine reine Geschäftemacherei des Krankenhauses.”4

Diese Einschätzung ist leider nicht unbegründet. Obwohl in der Medizin insbesondere das Mitgefühl zu den wichtigsten Grundwerten gehört5, sind letztlich auch Kliniken wirtschaftliche Unternehmen, für die die Vergütung einer Behandlung durchaus entscheidungsrelevant ist. „Besonders Beatmungspatienten sind in den Augen vieler Klinikbetreiber nur noch Mittel zum Zwecke des Geldmachens”, gibt Dr. Paul Brandenburg Einblicke hinter die Kulissen des Klinikalltages. „Diese Patienten werden teilweise nur weiterbeatmet, weil damit extrem viel Geld zu verdienen ist.”6

Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig zu wissen, wie man sich als Patient wirksam vor unerwünschten Behandlungen schützen kann.

Wie kann man sich wirksam vor unerwünschten Behandlungen schützen?

Die Geschichte der Familie Leifheit hat gezeigt, dass leider nicht jede Patientenverfügung einen Menschen im Ernstfall vor einem unwürdigen Ende bewahren kann. Das ist besonders tragisch, weil die späteren Patienten sich doch die Mühe gemacht hatten, sich mit dem schwierigen Thema auseinanderzusetzen und für den Ernstfall vorzusorgen. Sie wollten selbstbestimmt sterben und ihre Familien entlasten. Leider aber wurde ihre Mühe nicht belohnt.

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Trotzdem sind Patientenverfügungen im medizinischen Ernstfall das zentrale Vorsorgedokument, mit dem ein Patient auch im bewusstlosen Zustand dem Arzt seinen Willen mitteilen kann. So eine Verfügungen muss allerdings, drei entscheidende Wirksamkeitskriterien erfüllen, damit sie den Willen des Patienten schützen kann:

  • Sie muss medizinisch genau sein und konkrete Behandlungsmethoden (z.B. Luftröhrenschnitt) in konkreten Situationen (z.B. akute Erstickungsgefahr) nennen.
  • Sie muss jederzeit sofort von Ärzten eingesehen werden können, damit unerwünschte Behandlungen gar nicht erst eingeleitet werden.
  • Sie muss regelmäßig aktualisiert werden, damit Ärzte im Ernstfall sicher sein können, dass der Wille des Patienten noch gilt.

Wenn Sie mehr über wirksame Patientenverfügungen erfahren wollen, können Sie sich unseren Übersichtsartikel zur Patientenverfügung ansehen.

Aktualisierungs-Hinweis: Zwischenzeitlich hat auch die VOX-Sendung „Prominent!” über das Schicksal der Familie Leifheit berichtet. Mit dem folgenden Link können Sie sich ab Minute 11:24 den Beitrag ansehen: https://www.tvnow.de/shows/prominent-196

Janine Kaczmarzik bei DIPAT Die Patientenverfügung

Ein Beitrag von

Janine Kaczmarzik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

M.A. Germanistik / Schwerpunkt Sprachwissenschaft. Expertin für Leichte Sprache.

Informiert unsere Kunden und die Öffentlichkeit über wichtige Fragen der Gesundheitsvorsorge und Patientenautonomie.

Zitate und Quellen

Quellen:

  1. Christiane Soyke (2019): Sylvia Leifheit. Trotz Patientenverfügung – so unwürdig musste ihr Vater sterben. In: BUNTE Magazin vom 27. Mai 2019. URL: https://www.bunte.de/stars/bunte-heft/sylvia-leifheit-trotz-patientenverfuegung-so-unwuerdig-musste-ihr-vater-sterben.html?utm_medium=viral (geprüft am 6. Juni 2019)
  2. DIPAT [Hrsg.] (2017): Traurige Normalität: Wie Kliniken bewusstlose Patienten ausnutzen. URL: https://www.dipat.de/aktuelles/wie-kliniken-bewusstlose-patienten-ausnutzen (geprüft am 6. Juni 2019)
  3. Ethikabteilung des Weltärztebundes [Hrsg.] (2005): Handbuch der ärztlichen Ethik. URL: https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/WMA_aerztliche_Ethik.pdf (geprüft am 6. Juni 2019)