Triage von Schwerkranken und überlastete Intensivstationen in Zeiten von Corona

Gibt es Grund zur Sorge?

Bei vielen Menschen ist die Unsicherheit groß: Ist in Zeiten von “Corona” und COVID-19 zu befürchten, das beispielsweise chronisch Kranke, Alte und Behinderte von Ärzten im Zweifel als “weniger wichtig” vernachlässigt werden? Insbesondere dann, wenn Intensivstationen einmal überfüllt sein sollten. Vielen Medienberichten und Politikerauftritten sind solche Warnungen immer wieder zu entnehmen zuletzt berichtete beispielsweise “Welt” über eine Richterin mit Muskelsdystrophie, die juristisch gegen Triage-Leitlinien vorgehen will.

Im Interview mit Dr. Paul Brandenburg, Notfall- und Intensivmediziner und Gründer von DIPAT, sprachen wir über überfüllte Intensivstationen in der derzeitigen Corona-Situation und die Angst davor was im Ernstfall wirklich passiert.


DIPAT: Was ist Triage? Was bedeutet sie im Ernstfall für mich?

Dr. Paul Brandenburg: Triage (französisch für “Auswahl”) bezeichnet in der Medizin grundsätzlich einen Routinevorgang und eben keine Katastrophensituation oder einen Mangel an Behandlungsmöglichkeiten. Moderne Rettungsstellen arbeiten seit vielen Jahren grundsätzlich auf Basis einer Triage: Eintreffende Patienten werden von speziell geschulten Mitarbeitern der Pflege nach der Dringlichkeit ihrer Behandlungsbedürftigkeit eingestuft. Auf Basis dieser Einstufung wird dann die Behandlungsreihenfolge geklärt. Dies geschieht ausdrücklich nicht erst wenn die Rettungsstelle voll oder gar überlastet ist, sondern auch dann, wenn im Ausnahmefall einmal nur zwei Patienten auf Behandlung warten.

Auch Notärzte arbeiten bei Katastrophenfällen mit Triagierung. Der ersteintreffende Notarzt bei einem großen Verkehrsunfall beginnt daher beispielsweise gerade nicht mit einer Behandlung einer der vielen Patienten, auf die er trifft. Denn was auf den ersten Blick brutal scheinen mag ist im Interesse aller Patienten zwingend nötig: Der Notarzt wird, nachdem er sichergestellt hat, dass Unterstützung angefordert wurde, zügig alle Patienten sichten und ihnen eine “Dringlichkeitsstufe” zuordnen. Erst wenn alle Patienten auf diese Weise triagiert wurden, beginnt die eigentliche Behandlung.

DIPAT: Wonach stufen Ärzte die Patienten bei einer Triage ein? Bedarf es hier (neuer) Gesetze?

Dr. Paul Brandenburg: Der Ruf nach neuen Gesetzen für die Triage offenbart vor allem eines: fehlende Sachkenntnis. Schweregrade von Erkrankungen und auch Überlebenschancen schnell und sicher einzuschätzen gehört zu den Kernaufgaben des ärztlichen Berufes. Insbesondere in der Notfall- und Intensivmedizin ist diese Kompetenz die Basis allen Handelns. Es ist schlechterdings absurd, wenn nun durch Politik und Medien die Angst erzeugt wird, Ärzte würden hier vor neuen Fragen und Problemen stehen und im Zweifel gar nach persönlichem “Gutdünken” verfahren. Kurz gesagt: es bedarf weder im Lichte von Corona und COVID-19 noch aus anderen Gründen derzeit in Deutschland neue gesetzliche Regelungen für die Triagierung von Patienten.

Bei der Triagierung gehen Ärzte nach einem einfachen Prinzip vor: Wie krank sind die Patienten, die ich behandeln muss und wie groß ist jeweils die Aussicht eines Patienten, dass diese Behandlung zu einem Überleben führt. Ausdrücklich kein Kriterium zu irgendeiner Zeit sind beispielsweise die Fragen danach

  • wie alt ein Patient ist,
  • wie “lebenswert” ein Arzt die Aussichten des Patienten persönlich einschätzt oder
  • ob ein vorerkrankter Patient, beispielsweise mit Muskelschwund, nicht ohnehin eine begrenzte Lebenserwartung hat.

DIPAT: Moment mal. Was ist bei einer extremen Notlage mit überfüllten Intensivstationen? Sind solche Kriterien im Extremfall nicht doch zu befürchten?

Dr. Paul Brandenburg: Diese Sorge ist konstruiert und weder heute noch in absehbarer Zukunft realistisch. Wir hatten in Deutschland weder früher noch seit Beginn der “Coronapandemie” je eine Situation, in der wir vor einer Knappheit von Intensivkapazitäten standen. Richtig ist: in einzelnen Kliniken und Regionen Deutschlands kommen die Intensivstationen immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen. Dies ist heute im Zusammenhang mit COVID-19 ebenso der Fall, wie es in den letzten Jahren zuvor immer wieder der Fall war im Zusammenhang mit Grippewellen.

Will sagen: volle Intensivstationen sind in der Medizin eine absolute Routine und kein Problem. Denn: Auf die gesamte Bundesrepublik gesehen haben wir zu jeder Zeit mehr als genug Reserven. In Berlin und anderen Ballungsräumen kommt es immer wieder - vor allem zur “Grippesaison” - zu vollen Intensivstationen. Es ist ein Normalverfahren, dass Patienten dann auf Intensivstationen in der Umgebung der vollen Klinik verlegt werden. Für die Angehörigen bedeutet dies schnell einmal Fahrtwege von über einer Stunde. Das ist sicher nicht wünschenswertes, aber aus medizinischer Sicht unproblematisch und sicher keine Gefahr für den Patienten.

Von daher ganz klar: Nein, es steht weder heute noch in absehbarer Zukunft zu befürchten, dass Ärzte in unserem Land in einer Lage “apokalyptischen” Mangels arbeiten und sich daher die eingangs genannten Fragen ernsthaft stellen müssen. Dieses Horrorszenario ist und bleibt eine Erfindung einiger weniger Politiker und Medien.

DIPAT: Werde ich aber im Falle einer schweren COVID-19-Erkrankung mit einer Patientenverfügung, in der ich künstliche Beatmung oder Ernährung ablehne, in der Klinik benachteiligt?

Dr. Paul Brandenburg: Diese Frage ergibt bei näherer Betrachtung keinen Sinn.

Lehnt man in seiner Patientenverfügung eine künstliche Beatmung oder grundsätzlich eine Intensivbehandlung ab, ist die Folge klar: man wird sie nicht erhalten. Das bedeutet auch, dass die Ärzte es im äußersten Fall zulassen werden, dass man an diesem “Verbot” verstirbt, weil man zum Weiterleben eben eine künstliche Beatmung benötigte. Dabei ist es unerheblich, welche Erkrankung zu dieser Situation führte.

Aus Sicht eines Patienten würde es keinen Sinn ergeben, eine Intensivbehandlung oder nur Beatmung nur für den Fall abzulehnen, dass dieser nicht durch COVID bedingt ist. Obwohl dieser Wunsch sehr ungewöhnlich ist, sind Menschen natürlich trotzdem frei, ihn so festzulegen. Ich könnte also in meine Patientenverfügung schreiben: “Ich lehne jede Intensivbehandlung ab - es sei denn, sie erfolgt aufgrund von COVID-19”. Aber warum sollte ich so etwas tun? Welche plausiblen Grund gäbe es, in allen anderen Fällen keine Intensivbehandlung zu wünschen, bei COVID-19 aber doch?

Lehne ich hingegen, was viel wahrscheinlicher ist, eine Beatmung oder Intensivbehandlung grundsätzlich ab, wäre keine vernünftige Situation denkbar, in der dies speziell für den Fall einer COVID-19-Erkrankung für mich nachteilig sein sollte.

Die Frage nach einer “Benachteiligung” für Patienten, die keine Intensivbehandlung oder Beatmung wünschen stellt sich in der Realität also nicht.

DIPAT: Wenn das so ist, welchen Zweck können dann “Corona-Zusatzblätter” erfüllen, wie sie einige andere Anbieter von Patientenverfügungen derzeit bewerben? Wozu benötigt man die?

Dr. Paul Brandenburg: Eine naheliegende Frage auf die man nur entgegnen kann: Die müssen diese Anbieter wohl selbst beantworten. Es dürfte eine reine Werbeaktion sein.

Aus ärztlicher Sicht ist eindeutig zu sagen: Corona und COVID-19 machen keinerlei Ergänzung oder Sonderbestimmung für eine Patientenverfügung erforderlich. Die Auswirkungen und möglichen Folgen für Patienten durch COVID-19 entsprechen genau dem, was Intensivmediziner ganz überwiegend zu behandeln haben. Niemand mit einer wirksamen Patientenverfügung benötigt also ein “Zusatzblatt”.

Richtig und wichtig ist aber natürlich: Eine wirksame Patientenverfügung ist zu Zeiten von Corona und COVID-19 ebenso unerlässlich, wie zuvor im Leben. Jeder Erwachsene Mensch sollte unbedingt eine solche Patientenverfügung besitzen - ganz gleich von welchem Anbieter sie kommt. Entscheidend ist, dass die Verfügung die Behandlungswünsche des Patienten so genau wie nur möglich abbildet.

DIPAT: Ist eine Patientenverfügung seit der Pandemie also nicht wichtiger geworden?

Dr. Paul Brandenburg: Nein, denn sie war schon immer herausragend wichtig. In der allgemeinen Aufregung um das neuartige Coronavirus scheint nun aber auch mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Patientenverfügung gefallen zu sein und auf den Umstand, dass jeder Mensch dringend eine solche benötigt. Hier gilt naheliegender Weise, je Älter ich bin und je mehr Vorerkrankungen ich habe, desto größer ist auch meine Wahrscheinlichkeit, einmal im Krankenhaus behandelt zu werden. Umso wichtiger ist also, dass ich sicherstelle, eine wirksame Patientenverfügung zu besitzen. Diese Tatsache ist gewissermaßen ein “positiver Nebeneffekt” der Krise.

DIPAT: Alles in allem also kein Grund zur Sorge?

Dr. Paul Brandenburg: Zumindest nicht in Sachen “Überfüllung” von Intensivstationen oder hinsichtlich der Triage. Jedem Menschen ist aber -wie immer- zu empfehlen für sich sicherzustellen, dass er eine wirksame Patientenverfügung besitzt.

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Sabine Staps bei DIPAT Die Patientenverfügung

Ein Beitrag von

Sabine Staps

Online Marketing Managerin

Marketing Management (MBA)

Verantwortet die Konzeptionierung, Umsetzung und Steuerung der digitalen Marketingstrategie von DIPAT.

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