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Sterbende Krebspatientin im Krankenhaus mit junger Frau an ihrer Seite

Sterbehilfe in Deutschland: Worüber reden wir eigentlich?

4 min Lesedauer

20. Oktober 2015 (aktualisiert am 23. April 2019)

Aktiv, passiv, indirekt – die Bezeichnungen für Sterbehilfe sind alles andere als selbsterklärend und sorgen bisweilen auch unter Politikern für Verwirrung. Lesen Sie hier, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und welche gesetzlichen Regelungen derzeit für die verschiedenen Arten der Sterbehilfe gelten.

In diesem Artikel erfahren Sie:

 

Was ist aktive Sterbehilfe?

Aktive Sterbehilfe oder auch Tötung auf Verlangen beschreibt ein Vorgehen, bei dem ein Dritter aktiv den Tod eines Menschen auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin herbeiführt.
Beispiel: Hartmut B. ist nach einem Unfall vollständig Querschnittsgelähmt. Er kann seine Extremitäten nicht mehr bewegen, Blase und Schließmuskel nicht mehr kontrollieren und ist auf Rollstuhl und Rundum-Pflege angewiesen. Darüber hinaus hat er sich bereits mehrfach wundgelegen. Ein solches Leben empfindet Hartmut B. nicht als lebenswert, jedoch ist es ihm nicht möglich, selbstständig Suizid zu begehen. So bittet er seinen Arzt, ihm ein tödliches Medikament zu spritzen. Der Arzt lehnt ab.

Gesetzliche Regelung:

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten.

Aktualisiert März 2017: In „extremen Ausnahmesituationen“ hat ein leidender Patient ein Recht darauf, Substanzen zur Selbsttötung zu erwerben. Diese Tatsache folge aus dem Grundgesetz, stellte das Bundesverwaltungsgericht kürzlich fest (BVerwG 3 C 19.15). Bedingung solle dabei sein, dass die betroffenen Patienten „wegen ihrer unerträglichen Lebenssituation frei und ernsthaft entschieden haben, ihr Leben beenden zu wollen“ und dass es keine palliativmedizinischen Alternativen gebe.

 

 

Was ist passive Sterbehilfe?

Passive Sterbehilfe beschreibt zumeist das Auslassen oder den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen – wie beispielsweise Beatmung oder Ernährung – auf Wunsch des Patienten.
Beispiel: Anna P. liegt im Krankenhaus auf der Pflegestation. Aufgrund einer Krebserkrankung muss sie künstlich ernährt werden. Bei vollem Bewusstsein bittet sie die Ärzte, die künstliche Ernährung einzustellen, da sie sterben möchte. Die Ärzte entfernen ihr die Magensonde, woraufhin Anna P. binnen einer Woche stirbt.

Gesetzliche Regelung:

Passive Sterbehilfe ist in Deutschland nicht nur erlaubt, die Ärzte sind hierzu sogar verpflichtet: missachten sie den Willen des Patienten, kann ihnen eine Klage wegen Körperverletzung drohen.

 

 

Was ist indirekte Sterbehilfe?

Indirekte Sterbehilfe bezeichnet den Einsatz von Medikamenten, die auch die Herabsetzung der Lebensdauer eines bereits geschwächten Patienten zur Folge haben können. Der Tod wird hier als ungewollte aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Beispiel: Hans K. leidet an Krebs im Endstadium. Er liegt bereits in einem Hospiz und wird nur noch palliativmedizinisch versorgt. Den Ärzten zufolge hat er noch wenige Tage zu leben. Hans K. ist nicht mehr ansprechbar, er kämpft immer wieder mit Erstickungsanfällen und leidet an starken Schmerzen, die nur noch mit hohen Dosen an Schmerzmitteln zu lindern sind. Nach einem erneuten Anfall erhöht der behandelnde Arzt die Dosis von Morphium – in dem Wissen, dass das Medikament höchstwahrscheinlich den Tod von Herrn K. herbeiführen wird. Wenige Stunden später stirbt Hans K.

Gesetzliche Regelung:

Indirekte Sterbehilfe ist in Deutschland erlaubt.

 

 

Was ist Beihilfe zum Suizid?

Beihilfe zum Suizid ist beispielsweise das Besorgen oder Bereitstellen eines tödlichen Medikamentes.
Zurück zum Beispiel von Hartmut B.: Als schwerbehinderter Pflegefall möchte er sein Leben beenden, ist jedoch ohne fremde Hilfe nicht dazu in der Lage. Sein Arzt weigerte sich, ihm ein todbringendes Mittel zu injizieren, da er sich sonst der aktiven Sterbehilfe schuldig gemacht hätte. Also bittet Hartmut B. seinen Freund Olaf P., ihm zu helfen. Olaf P. besorgt entsprechende Medikamente, mischt sie in ein Getränk und stellt dieses, mit einem Strohhalm versehen, in Reichweite von Hartmut B. Dann verlässt er das Haus. Hartmut B. nimmt den tödlichen Cocktail ein und stirbt wenig später.

Gesetzliche Regelung:

Olaf P. kann für die Beihilfe zum Suizid nicht strafrechtlich belangt werden. Wäre Olaf P. im Haus geblieben, hätte er sich gegebenenfalls der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Darüber hinaus kann durch das Besorgen der Medikamente eine Ordnungswidrigkeit wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz oder auch eine Straftat nach dem Betäubungsmittelgesetz vorliegen. Die Beihilfe zum Suizid jedoch ist in Deutschland erlaubt. Da die eigentliche Haupttat, nämlich der Suizid, in Deutschland nicht strafbar ist, kann es auch die Beihilfe dazu nicht sein – solange sie im Vorfeld zur Tat stattfindet.

 

 

Wie können Sie sich weiter rund um das Thema Sterbehilfe informieren?

Wenn Sie sich weiter rund um das Thema Sterbehilfe informieren wollen, erfahren Sie in den folgenden Artikeln:

 

Gerichtsurteile & Gesetze:

Palliativmedizin:

Blick über den Tellerrand: Konzepte und Schicksale:

 

2 Kommentare

Kommentieren

  1. Rainer Wissing (12.11.2018 - 17:43 Uhr)

    Freund Olaf P. kann die Medikamente eben nicht beschaffen aufgrund AMG und BtMG. Wenn man für über 500 EUR Natrium-Barbiturat + Antiemetikum im Darknet kauft, ist man im Unklaren, ob es tatsächlich geliefert wird und wenn Ja, ob nicht die Ware vielleicht doch nur „Backpulver“ ist. Es ist also eine Posse, dass Beihilfe wirklich möglich ist. In Wirklichkeit ist es keine Frage von Gesetzgebung, ob jemand Suizid begeht oder nicht. Nicht Einer muss beschützt werden, jeder schützt sich selbst. Politik übt Macht und Regelungswut aus selbst in den individuellsten Bereichen. Diese Welt in Wahrheit nur die Hölle. Eine unendliche Qual.

    • Janine Kaczmarzik (08.05.2019 - 14:57 Uhr)

      Lieber Herr Wissing,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und Entschuldigung für die späte Rückmeldung unsererseits.

      Das Thema Sterbehilfe ist durchaus komplex und mit vielen bewegenden Schicksalen verbunden. Hier besteht seitens Politik und Gesellschaft auf jeden Fall noch viel Gesprächs- und Klärungsbedarf, um das Leid der Betroffenen so gut wie möglich zu lindern.

      Falls Sie spezifische Fragen zu unserer Online-Patientenverfügung haben, können Sie sich gerne jederzeit an unseren Kundendienst wenden. Sie erreichen ihn telefonisch unter 0341 392 935 60 oder per Email unter kundendienst@dipat.de.

      Wir wünschen Ihnen und Ihrem Freund alles Gute!

      Viele Grüße aus Leipzig
      Ihr DIPAT-Team

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