Aktuelles
Alter Mann mit Gehhilfe allein in seiner Wohnung

“Soziales Sterben”: Einsamkeit am Lebensende

6 min Lesedauer

7. März 2019

Viele alte und pflegebedürftige Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Mitmenschen. Darunter leiden sie oftmals genauso sehr wie unter körperlichen Schmerzen. Der Prozess des sogenannten „sozialen Sterbens“ führt oft dazu, dass Patienten sich während ihres körperlichen Sterbens zusätzlich einsam und verlassen fühlen.

Dieses tragische Schicksal drängt Politik und Gesellschaft zu handeln. Wir müssen endlich Wege finden, um das wachsende Einsamkeitsproblem in unserem Land zu lösen.

 

Nicht jeder Mensch, der allein ist, fühlt sich deswegen einsam. Wer jedoch unfreiwillig von seinen Mitmenschen isoliert ist, zum Beispiel, weil Freunde und Familie verstorben oder weggezogen sind, für den äußert sich das Alleinsein in einem Gefühl quälender Einsamkeit. In Deutschland leiden darunter viele Millionen Menschen (1), wobei gerade Ältere besonders stark betroffen sind. In der Personengruppe ab 86 Jahren fühlt sich jeder Fünfte chronisch einsam (2).

In diesem Artikel erfahren Sie

  • warum viele alte und pflegebedürftige Menschen einsam sind,
  • was der Begriff „soziales Sterben“ bedeutet,
  • was unsere Gesellschaft ändern sollte, damit weniger Menschen einsam leben und sterben.

 

 

Warum sind viele alte und pflegebedürftige Menschen einsam?

Ein Mensch wird einsam, wenn er nicht in dem Maß mit seinen Mitmenschen Kontakt hat, wie er es sich wünscht. Diese Kluft kann sich zum Beispiel beim Eintritt in das Rentenalter auftun. Dann haben die ehemals Berufsaktiven oft mit der Befürchtung zu kämpfen, im Ruhestand nicht mehr gebraucht zu werden. So kann „ein Gefühl der Leere“ (3) entstehen.

 

Ältere Menschen können ebenfalls starke Einsamkeitsgefühle entwickeln, wenn sich Bindungen zu Verwandten und Freunden lösen. Das kann der Fall sein, wenn Kinder oder Enkel die Heimat verlassen oder aufgrund eigener Verpflichtungen wenig Zeit für Besuche haben. Zusätzlich verlieren Menschen im Rentenalter im Laufe der Jahre immer mehr Familienangehörige wie die eigenen Eltern, den Ehepartner und Geschwister, ebenso wie Freunde, gute Bekannte und Nachbarn.

Ein anderer Faktor ist, dass nicht jeder ein gutes Verhältnis zu seinem sozialen Umfeld hat. Manch einer hat den Kontakt zu Familie und Freunden bereits vor Jahren oder Jahrzehnten verloren – und im Extremfall haben diese Bindungen vielleicht sogar nie existiert.

 

Pflege-Patienten sind besonders von Einsamkeit im Alter bedroht. Wenn sie zum Beispiel ihren Hobbies außerhalb des Hauses nicht mehr nachgehen können, schränkt das den Kontakt zu ihren Mitmenschen stark ein. Manche Betroffene müssen ihren Schrebergarten aufgeben, andere können nicht mehr aktiv im Feuerwehrverein mitwirken. Menschen, denen das Gehen schwer fällt und die schließlich ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, haben nicht einmal mehr beim Spazieren im Park oder beim Einkaufen die Chance, Bekannte und Nachbarn zu treffen.

 

 

Wann spricht man vom „sozialen Sterben“?

Menschen, die unter Einsamkeit leiden, sind von einem Prozess namens „soziales Sterben“ bedroht. Dieser Begriff kommt aus der Soziologie und wird in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Im Allgemeinen bedeutet soziales Sterben, dass die Kontakte zwischen einem Menschen und seinem Umfeld immer weiter zurückgehen – so lange, bis sie schließlich ganz verschwunden sind. Mit den Betroffenen interagieren die Mitmenschen nicht mehr, es gibt also zum Beispiel keinen Körperkontakt, keine Gespräche und keine gemeinsamen Erlebnisse mehr.

 

Der soziale Tod ist nicht an den körperlichen Tod gebunden. Daher beginnt der Prozess des sozialen Sterbens bei vielen Menschen, die unter Einsamkeit leiden, schon zu Lebzeiten. Einsame Menschen haben niemanden mehr, der sich um sie kümmert oder Kontakt hält. Das ist ganz besonders tragisch, wenn die Betroffenen sich auch im Prozess des körperlichen Sterbens befinden. Dabei bräuchten sie doch gerade in dieser von Angst und Hilflosigkeit geprägten Lebensphase die Unterstützung und den Halt von Mitmenschen, die ihnen nahestehen.

 

Ein trauriges Beispiel für Menschen, die sozial verstorben sind, liefern jene Fälle, in denen Personen teils Wochen und Monate, manchmal sogar Jahre (4), unentdeckt tot in ihrer Wohnung liegen. Oftmals müssen diese Verstorbenen auch von Amts wegen bestattet werden – ohne, dass sie von Menschen, die ihnen nahe standen, auf ihrem letzten Weg begleitet werden.

 

 

Was können Gesellschaft und Politik tun, damit weniger Menschen einsam sterben?

Damit weniger Menschen einsam sterben, muss der soziale Tod wirksam verhindert werden. Dabei ist auch die Politik gefragt. Maßnahmen gegen die Vereinsamung im Alter werden jedoch dadurch erschwert, dass sozial isolierte Personen naturgemäß keine Lobby haben (5). In England ist daher seit 2018 die weltweit erste Ministerin für Einsamkeit im Amt, um das Problem anzugehen. Es wäre wünschenswert, dass sich die deutsche Regierung daran ein Beispiel nimmt.

 

Bis dahin läuft politisch organisierte Arbeit gegen Einsamkeit vor allem im Rahmen kleinerer Initiativen auf der Ebene einzelner Bundesländer ab. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Angebot der „Aufsuchenden Altenarbeit“ in Bremen: Hier sprechen Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer gezielt ältere Menschen an und besuchen sie bei Interesse Zuhause. Ziel ist es zum einen, einsamen Personen regelmäßig Gesellschaft zu leisten und Kontakte zu Menschen in ähnlichen Lebenssituationen herzustellen. Zum anderen sollen die Senioren über Freizeitangebote im Wohnumfeld informiert und bei alltäglichen Erledigungen unterstützt werden (hier können Sie die Homepage der Aufsuchenden Altenarbeit Bremen besuchen).

 

Neben politischen Maßnahmen ist es jedoch auch wichtig, dass sich jeder Einzelne über das Risiko der Einsamkeit im Alter bewusst wird und aktiv dagegen steuert (6). Bestehende Kontakte zu den Mitmenschen zu pflegen, ist ein wirksames Mittel, um sozialer Isolation vorzubeugen. Im Leben ist jedoch leider niemand davor gefeit, trotz der Bemühung um gute Beziehungen zu den Mitmenschen in die Einsamkeit zu rutschen. Dann ist es ratsam, den Mut zu fassen, über die eigenen Gefühle zu sprechen – zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen, örtlichen Beratungsstellen für Senioren oder gegenüber Mitarbeitern des Pflegedienstes.

 

Autorin: Janine Kaczmarzik

 

Zitate:

(1) vgl. Bannwitz 2009, S. 65

(2) vgl. Luhmann & Hawkley 2016, nach Spiegel Online 2017

(3) Perhofer 2009

(4) vgl. Süddeutsche Zeitung 2017

(5) vgl. Prof. Tade Spranger im Report Mainz 2014

(6) vgl. Bannewitz 2009: 66

 

Quellen:

 

Noch keine Kommentare

Kommentieren

Kommentar verfassen

Felder mit * sind Pflichtfelder