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Ein Team von zwei Ärzten und einer Ärztin steht mit verschränkten Armen in einem Krankenhausgang

Probleme im Krankenhaus 3/3: Ärzte stellen sich gegen Ökonomisierung

8 min Lesedauer

12.11.2019

Anfang September hat der Stern den Ruf von mehr als 200 Ärzten und medizinischen Organisationen in die Öffentlichkeit getragen: “Mensch vor Profit! Rettet die Medizin!”. Dieser Aufruf steht in einer Reihe von vielfältigen Initiativen, die fordern, dass der Kostendruck im Gesundheitswesen nicht länger die Behandlung eines Patienten beeinflussen darf. Ebenso treten Ärzte auch in Eigeninitiativen an, um Patienten vor einer Fehlbehandlung zu schützen. 

Teil 3 unserer Reihe “Probleme im Krankenhaus” beschäftigt sich mit der Frage, wie Ärzte Widerstand gegen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens leisten. In diesem Artikel erfahren Sie:

Haben Sie keine Zeit, sich den ganzen Artikel durchzulesen? Dann können Sie auch unsere Zusammenfassung lesen.

Welche Maßnahmen gegen den wirtschaftlichen Druck im Krankenhaus fordern ärztliche Organisationen und Verbände?

Gegenwärtig herrscht in deutschen Kliniken ein extremer Druck, wirtschaftlich effizient zu handeln. Folge dessen ist eine zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens (1). Das bedeutet, dass es gerade bei Behandlungen im Krankenhaus immer wichtiger wird, finanzielle Gewinne zu verzeichnen, anstatt die Patienten optimal, individuell und bedarfsgerecht medizinisch zu versorgen. Wie die Versorgung von Patienten und der Arbeitsalltag stationär tätiger Ärzte dadurch geprägt werden, können Sie in Teil 1 unserer Reihe Probleme im Krankenhaus “Profit vor Patientenwohl” nachlesen. In Teil 2, “Fehler im Fallpauschalensystem”, erfahren Sie mehr über die Hintergründe dieses unhaltbaren Zustandes. 

 

Die Ärzte sind in dieser Situation jedoch nicht nur Spielbälle einer höheren Gewalt, die den Anweisungen aus der kaufmännisch orientierten Krankenhausleitung anstandslos folgen müssen. Schließlich fühlen sich auch die Mediziner in der Regel dem Patientenwohl verpflichtet. Daher hat sich längst ein breiter Widerstand in ärztlichen Organisationen und Verbänden gegen die Ökonomisierung des Gesundheitssystems formiert: 

  • Der Berufsverband der Ärzte in Deutschland, der Hartmannbund, fordert eine “strukturierte[n] und klar zielorientierte[n] Diskussion über Fehlanreize im Honorarsystem, den Abbau von Bürokratie, eine intelligente Patienten­steuerung und über klar definierte Grenzen der Öko­nomi­sierung des Gesundheitssystems und des Arztberufes“ (2).
  • Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) setzt sich ein für eine “gemeinsame[n] Anstrengung aller Akteure, der „Ökonomisierung“ in der Medizin entgegenzuwirken und den Patienten und seine Gesundheit wieder in den Mittelpunkt zu stellen.”(3). Das bedeutet insbesondere, 
    • dass Ärzte öfter gemeinsam mit Patienten Entscheidungen fällen und sich besser interdisziplinär abstimmen sollen, 
    • dass Krankenhausleitungen dazu angehalten werden, medizinische und wirtschaftliche Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen und 
    • dass der Krankenhaussektor insgesamt mehr im Zusammenspiel mit der ambulanten und teilstationären Versorgung betrachtet werden soll (4).
  • Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland unterstützen  die AWMF ebenso wie das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Die angehenden Ärzte legen dabei den Fokus unter anderem auf mehr Zeit für Patientengespräche, Kommunikationsschulungen für medizinischs Personal und eine neue Führungskultur im Krankenhaus, die das Patientenwohl an die erste Stelle stellt (5).

Die Liste dieser Beispiele ließe sich noch mit einer Vielzahl vergleichbarer ärztlicher Forderungen und Positionspapieren von anderen Vereinigungen ergänzen. Die Auswahl zeigt jedoch bereits, dass es in der Ärzteschaft vielfältige, sehr konkrete Ideen und Vorschläge für Maßnahmen gibt, um das Patientenwohl wieder ins Zentrum ärztlichen Handelns zu rücken. 

 

 

Welche Forderungen hat der Stern im Ärzte-Appell in die Öffentlichkeit getragen?

Viele ärztlichen Initiativen haben zwar das gemeinsame Ziel, der Ökonomisierung des Gesundheitswesens Einhalt zu gebieten. Dabei setzen sie jedoch unterschiedliche Schwerpunkte und gehen teilweise auch in ihren Ansichten auseinander, welche Maßnahmen am besten geeignet sind.

Der “Stern” hat den Ruf der Ärzte nach radikalen Reformen im Krankenhauswesen zu drei zentralen Forderungen verdichtet und am 5. September 2019 in die breite Öffentlichkeit getragen. Mehr als 200 Assistenzärtinnen, Klinikdirektoren, Präsidentinnen von Fachgesellschaften und Ärztekammern sowie Medizinethiker (6) bekräftigen im “Ärzte-Appell” die Notwendigkeit der folgenden Maßnahmen:

  1. “Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden” (7). Eine Erklärung zum Fallpauschalensystem finden Sie in Teil 2 unserer Reihe “Probleme im Krankenhaus.”.
  2. “Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden” (8). Dabei räumen die Unterzeichner ein, dass dennoch wirtschaftliches Handeln notwendig ist.
  3. “Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.” (9).

Da diese Forderungen auf bereits bestehenden Positionspapieren basieren, wurden sie schon vor der Veröffentlichung von zahlreichen hochrangigen Institutionen, aber auch hunderten Einzelpersonen unterstützt. Dazu gehören etwa ärztliche Gesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V., mehrere Landesärztekammern, der Vorsitzende des Vorstandes des Weltärztebundes Frank-Ulrich Montgomery sowie die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats Christiane Woopen (10). 

 

Mediziner, die sich ebenfalls dem Ärzte-Appell anschließen möchten, können sich jedoch auch weiterhin als Unterstützer eintragen lassen. Daher ist die Anzahl der Befürworter innerhalb von nur drei Wochen nach Erscheinen auf mehr als 130.000 angewachsen. Die Mitglieder der 36 ärztlichen Verbände und Fachgesellschaften, die den Aufruf ebenfalls unterstützen, sind dabei bereits mit eingerechnet (11).

Ergänzend dazu können mittlerweile auch Nicht-Mediziner den Ärzte-Appell unterstützen. Dazu hat Ludwig Hammel, der Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew, auf der Online-Plattform change.org eine Petition gestartet. Aktuell wurde sie schon von fast 100.0000 Menschen unterzeichnet (Stand: 12. November 2019) (12). 

Inwiefern sich aus diesen Appellen tatsächlich Reformen entwickeln, bleibt gegenwärtig abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass das Thema durch die breite Medienberichterstattung nun einen bedeutenden Schub Aufmerksamkeit erhalten und auch die ersten politischen Unterstützer gefunden hat (13). Vor diesem Hintergrund gibt es zumindest eine reelle Chance auf eine maßgebliche Veränderung im Krankenhauswesen.

 

 

Wie können Eigeninitiativen von Ärzten aussehen, um Patienten vor dem ökonomischen Druck im Gesundheitswesen zu schützen?

Neben diesem groß organisierten Aufruf  und Positionspapieren von ärztlichen Organisationen gibt es auch Mediziner, die in Eigeninitiative antreten, um Patienten vor einer Fehlbehandlung zu schützen. Einer dieser Mediziner ist der Notarzt Dr. Paul Brandenburg, der bei seiner  Arbeit auf der Intensivstation jahrelangen die “Entmenschlichung aller Beteiligten” (14) im System Krankenhaus erfahren hat. Im August 2013 veröffentlichte er daraufhin den Ratgeber “Kliniken und Nebenwirkungen”, in dem er Einblicke in den Klinikalltag aus ärztlicher Sicht vermittelt und konkrete Ratschläge gibt, wie Patienten mit Ärzten umgehen können. 

Ein wichtiges Instrument, mit dem sich Patienten wirksam vor unerwünschten Überbehandlungen schützen können, sind Patientenverfügungen. Daher hat der Notarzt außerdem einen Online-Fragebogen entwickelt, mit dem auch Nichtmediziner einfach eine medizinisch präzise Patientenverfügung erstellen können. Zur Verbreitung dieses Angebotes hat er 2015 DIPAT Die Patientenverfügung GmbH gegründet und das Programm im Januar 2016 der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Wer die DIPAT-Patientenverfügung nutzt, erhält einen Rundum-Service (inklusive Online-Hinterlegung, Aktualisierungserinnerung und SMS-Alarm für Angehörige), der den wirksamen Schutz seines Willens ermöglicht. 

Den Anspruch, (zukünftige) Patienten über die Hintergründe im Gesundheitswesen zu informieren, haben Dr. Brandenburg und sein Team jedoch auch weiterhin. Daher veröffentlicht DIPAT regelmäßig Beiträge rund um die Themen Patientenverfügung und medizinische Vorsorge. Wenn Sie daran interessiert sind und ebenfalls auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie sich hier für unseren Newsletter anmelden

 

Zusammenfassung: 

Im Krankenhaus steht bei Behandlungsentscheidungen oft nicht das Wohl des Patienten, sondern wirtschaftliche Interessen des Krankenhauses im Vordergrund. Ärzte sind dabei jedoch nicht nur Spielbälle einer höheren Gewalt, die den Anweisungen aus der Krankenhausleitung anstandslos folgen müssen. Längst hat sich ein breiter Widerstand in ärztlichen Organisationen und Verbänden gegen die Ökonomisierung des Gesundheitssystems formiert. Der “Stern” hat deren Ruf nach radikalen Reformen im Krankenhauswesen zu drei zentralen Forderungen verdichtet und Anfang September in die Öffentlichkeit getragen. Neben diesem groß organisierten Aufruf und diversen Positionspapieren gibt es aber auch Mediziner, die in Eigeninitiative antreten, um Patienten vor einer Fehlbehandlung zu schützen.

 

Autorin: Janine Kaczmarzik

 

Zitate: 

(1) vgl. Zentrale Ethikkommission der Bundesärztekammer 2013: A 1754

(2) Klaus Reinhardt im Deutschen Ärzteblatt vom 29. März 2019

(3) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

(4) vgl. ebd. 

(5) vgl. Deutsches Ärzteblatt vom 12. März 2019

(6) vgl. Stern vom 1. Oktober 2019

(7) Albrecht 2019: 35

(8) ebd.

(9) ebd.

(10) ebd.

(11) vgl. Deutsches Ärzteblatt vom 26. September 2019

(12) vgl. Change.org e.V. 2019

(13) vgl. Klein-Schmeink 2019

(14) Brandenburg 2013: 10

 

Quellen:

Albrecht, Bernhard (2019): “Wie der Druck, Gewinn zu machen, das Wohl der Patienten gefährdet. Ärzte berichten über erschreckende Missstände.” In: Stern Nr. 37/2019. 

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (2018): Medizin und Ökonomie – Maßnahmen für eine wissenschaftlich begründete, patientenzentrierte und ressourcenbewusste Versorgung. URL: https://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Stellungnahmen/Medizinische_Versorgung/20181205_Medizin_und_%c3%96konomie_AWMF_Strategiepapier_V1.0mitLit.pdf (geprüft am 12. November 2019).

Brandenburg, Paul (2013): Kliniken und Nebenwirkungen. Überleben in Deutschlands Krankenhäusern. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Change.org e.V. (2019): Mensch vor Profit: Ökonomisierung an deutschen Krankenhäusern abschaffen! URL: https://www.change.org/p/menschvorprofit-%C3%B6konomisierung-an-deutschen-krankenh%C3%A4usern-abschaffen-jensspahn (geprüft am 12. November 2019).

Deutsches Ärzteblatt (29.03.2019): Hartmannbund kritisiert Ökonomisierung des Gesundheitssystems. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/102039/Hartmannbund-kritisiert-Oekonomisierung-des-Gesundheitssystems (geprüft am 12. November 2019).

Deutsches Ärzteblatt (12.03.2019): Medizinstudierende wehren sich gegen Ökonomisierung der Medizin. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/101556/Medizinstudierende-wehren-sich-gegen-Oekonomisierung-der-Medizin (geprüft am 12. November 2019).

Deutsches Ärzteblatt (26.09.2019): Online-Petition gegen Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106315/Online-Petition-gegen-Oekonomisierung-des-Gesundheitswesens?rt=9f8465d3136666b06544d857f303eb2f (geprüft am 12. November 2019). 

Klein-Schmeink, Maria [Hrsg.] (5.9.2019): “Starker Ärzt*innen-Appell zur Krankenhausreform” URL: https://www.klein-schmeink.de/aktuelles/meldung/starker-aerztinnen-appell-zur-krankenhausreform (geprüft am 12. November 2019). 

Stern [Hrsg.] (01.10.2019): Kurz erklärt: Darum geht es im Ärzte-Appell und so können Sie ihn unterstützen. URL: https://www.stern.de/gesundheit/aerzte-appell-im-stern–rettet-die-medizin–8876008.html (geprüft am 12. November 2019).

Zentrale Ethikkommission der Bundesärztekammer (2013): „Ärztliches Handeln zwischen Berufsethos und Ökonomisierung. Das Beispiel der Verträge mit leitenden Klinikärztinnen und -ärzten“ In: Deutsches Ärzteblatt Heft 38/2013. URL: https://www.zentrale-ethikkommission.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Zeko/KlinikVertraege2013.pdf (geprüft am 12. November 2019).

2 Kommentare

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  1. Barbara Scott-Hayward (28.11.2019 - 19:35 Uhr)

    Im August 2016 wurde ich als Notfall ins AVK gebracht. Im Zusammenhang mit meinem seit Jahren bekannten und behandelten Migräneleiden litt ich unter starken Kopfschmerzen /mit Farbsehen auf dem li. Auge/ krampfte und verlor das Bewußtsein. Obwohl ich bat meinen Neurologen anzurufen wurde ich mit zahllosen
    „!Heilversuchen“ traktiert. Täglich landete ich „in der Röhre“ , wurde ein EEG geschrieben und vieles mehr.Geichzeitig wurde ich ins Bett gesperrt (!) und ein Bettgitter installiert. D.h. ich konnte mich nicht allein duschen und auf die Toilette gehen. Daß diese Maßnahme FREIHEITSBERAUBUNG ist war unbekannt. Gegen das Überangebot von Medikamenten /z.T. 12 versch. Tbl. habe ich erfolgreich protestiert. Ich empfand die beh. Ärzte nicht hilfreich-Fragen wurden überhört, meine Bitte auf Entlassung ebenso. Nach 14 Tagen (!!) konnte ich die Station aus eigener Kraft verlassen. Die hämischen Kommentare der Schwestern habe ich dennoch gehört. Da ich bis zu meiner Rente als Krankenschwester gearbeitet habe /mit Leitender Funktion/
    ist mir dieser Zwangsaufenthalt eine Lehre. Diese Zustände in Krankenhäusern mögen dem Profit einzelner dienen- der Einzelne geht unter. Gottlob ist eine Bewertung der Krankenhäuser möglich – so kann man diesem Albtraum evtl. begnen.

    • Janine Kaczmarzik (02.12.2019 - 13:39 Uhr)

      Liebe Frau Scott-Hayward,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist wirklich erschütternd, wie Sie behandelt wurden und dass man auf Ihre Fragen und Bitten nicht eingegangen ist. Indem Sie Ihre Erfahrungen teilen, können Sie auf jeden Fall dazu beitragen, hier mehr Transparenz über fehlerhafte Strukturen zu schaffen.

      Wir hoffen sehr, dass Ihnen bei zukünftigen Krankenhausaufenthalten weitere schlechte Erfahrungen erspart bleiben und wünschen Ihnen für Ihre Gesundheit alles Gute!

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Ihr DIPAT-Team

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